Alles geht?
von Jan Fortune-Wood

Sechszehn Jahre des Lebens mit vier selbständigen Kindern hat mich gelehrt, dass echte Bildung auf der inneren Motivation des selbständig Lernenden beruht; mit anderen Worten: Kinder lernen am besten, wenn sie darin unterstützt werden, ihren eigenen Interessen nachzugehen. Ich habe gelernt - sowohl aus der Theorie als auch von der harten Erfahrung, es zunächst falsch gemacht zu haben - dass Zwang sich nicht nur auf die persönliche Autonomie destruktiv auswirkt, sondern auch Lernen und Wissenszuwachs verhindert.

Das Lernen ohne Zwang begann eher zögerlich in unserem Haushalt. Als wir die Entscheidung für das Leben ohne Schule fällten, waren wir voller irregeführtem Fanatismus; wir wollten beweisen, dass wir die Schulen in ihrem eigenen Spiel schlagen konnten. Unsere Kinder würden nicht nur belesener und in ihren akademischen Erfolgen abgerundeter sein, sondern auch Beispiele für unsere naiven Ideale einer romantisierten Kindheit; unsere Kinder würden kein Verlangen nach Süßigkeiten haben, Videos anschauen oder mit billigem Plastikspielzeug spielen. Selbstverständlich würden sie dies nicht einmal wollen! Unsere Kinder waren glücklicherweise eigenwilliger und unsere wohlgemeinten, aber in hohem Maße manipulativen Bemühungen strandeten bald.

Wir wurden lockerer. Das Leben wurde zusehends weniger stressig, flexibler und sehr viel überraschender. Süßigkeiten waren kein Teufelszeug mehr die Zähne unserer Kinder verfaulten nicht und sie hörten nicht auf, andere Dinge zu essen. Fernsehen und Video waren erstaunliche Quellen der Information und des Lernens (und nicht nur die pädagogisch wertvollen Sendungen), vielleicht nur vom persönlichen Gespräch auf den zweiten Rang in der Liste der Lernmittel verdrängt. Billiges Plastikspielzeug hatte seinen Platz im Aufgebot an Quellen für Phantasie und Lernen.

Wir wurden noch lockerer, wagten den Sprung ins kalte Wasser und beschlossen, dass Zwangsmittel endgültig von der Bildfläche verschwinden mussten. Unsere Kinder hatten genauso ein Recht auf persönliche Autonomie wie wir, und obwohl wir ständig Informationen, Wertvorstellungen und Meinungen mit ihnen teilten, mussten sie im Endeffekt ihr eigenes Leben leben. Wir hielten unseren Atem an und beobachteten skeptisch, wann es schief gehen würde. Statt dessen veränderte sich das Leben erneut zu seinem Besseren. Wo endet das Lernen und wo beginnt das Leben? Nirgendwo. Unsere Theorien des selbständigen Lernens - weit entfernt davon, in einer Katastrophe zu enden - verleiteten uns dazu, über jeden Bereich unseres Lebens gemeinsam nachzudenken und zu glauben, dass wir alle gut miteinander leben können, wenn wir im Einvernehmen leben.

Welcher Vater oder welche Mutter sehnt sich nicht danach, seine/ihre Beziehung zu den Kindern zu verbessern? Welche Eltern haben nicht schon einmal gedacht "Es muss doch einen besseren Weg geben als diesen.", sich dann aber geschlagen gegeben und von den alten Verhaltensweisen wie gefangen gefühlt? Ein besserer Weg existiert in der Tat. Es ist keine Zauberei; Beziehungen sind anstrengend und komplex, aber die Entdeckung, dass all die Energie, die wir immer darin investiert hatten, mit unseren Kindern zu kämpfen, unsere Kinder zu überreden, unsere Kinder anzuflehen, unsere Kinder zu zwingen, statt dessen in das gemeinsame Finden von Lösungen fließen konnte, war wie ein tiefer Atemzug frischer Luft, sogar noch besser. Wir leben nun jeden Tag mit der Überzeugung, dass es Lösungen gibt, die sie wollen, Lösungen, die wir wollen, Lösungen, in denen jeder ein Gewinner ist.

Wir alle wollen glückliche Familien, aber die meisten von uns glauben, dass trotz unserer besten Bemühungen einer verlieren muss. Wir können nicht alle immer alles bekommen, was wir wollen, und selbst wenn wir eine im allgemeinen glückliche Familie haben, wird es auf dem Weg einige Tränen und böse Worte geben. So schon eher? Ja, ich gebe zu, dass wir alle Menschen sind und dass uns unsere Energie oder unsere Kreativität manchmal im Stich lassen, aber das bedeutet nicht, dass es keine Lösungen gibt, sondern nur, dass es uns gelegentlich nicht gelingt, sie zu finden. Kurz gesagt, Kinder können und sollten ihren Willen bekommen. Wahnsinn, unmöglich, gefährlich, eine verrückte utopische Idee? Nun, wenn Sie diesen Artikel lesen, sind Sie und ich uns vermutlich einig darin, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kindern eine der wichtigsten auf diesem Planeten ist. Doch in viel zu vielen Veröffentlichungen über Erziehung und Lebensstil geht es darum, sie (Kinder, manchmal der kaum getarnte Feind) dazu zu bewegen, zu tun, was Sie (die erwachsenen Eltern oder Experten, die es besser wissen) wollen. Manchmal wird uns geraten, mit Autorität vorzugehen: übernehmen Sie die Verantwortung, zeigen Sie ihnen, wer der Boss ist, und alles wird gut. Zuweilen werden wir ermutigt, einen subtileren, liberaleren Ansatz zu wählen: lernen Sie zuzuhören, hören Sie darauf, was die Kinder zu sagen haben, verhandeln Sie mit ihnen, um ihnen innerhalb sorgfältig und klar definierter Grenzen Freiheit zu gewähren, und wir werden fürsorgliche junge Erwachsene mit guten Wertvorstellungen produzieren. Zudem werden wir gegenüber unseren Freunden das Gesicht wahren können. Zu viele Erziehungstheorien haben eine Gemeinsamkeit: die konventionelle Vorstellung, dass Kinder manchmal die Verlierer sein müssen und dass es zuweilen gut für sie ist zu verlieren; manchmal müssen sie einfach lernen, wie es in der wirklichen Welt zugeht, dass Taten Konsequenzen nach sich ziehen und dass wir nicht immer haben können, was wir wollen.

Das Lernen und Leben im Einvernehmen mit meiner Familie hat mich davon überzeugt, dass Kinder bekommen sollten, was sie wollen. Weit entfernt davon, verwöhnte Gören zu produzieren, die Ihnen mit ihren Forderungen die letzte Kraft rauben werden, Sie jeglichen eigenen Lebens berauben werden und dann noch mehr wollen, ist es auch für Eltern unglaublich befreiend, ihre Kinder dabei zu unterstützen zu bekommen, was sie in ihrem Leben wollen. Wir müssen alle beginnen so zu leben als sei es möglich, dass unsere Wünsche erfüllt werden, und daran zu glauben ist sicherlich der erste Schritt, dies zu realisieren. Wenn wir im Einvernehmen leben, bekommen wir alle, was wir wollen.

Erinnern Sie sich an das perfekte Neugeborene, für das sie alles anders machen wollten? Babys werden als vernünftige und kreative Wesen geboren, und wenn wir ihnen, während sie heranwachsen, viel altersgemäße Information zuteil werden lassen und sie ermutigen zu lernen, indem sie ihre eigenen Vermutungen über die Welt aufstellen und herausfinden, welche zutreffen und welche nicht, dann werden sich vernünftiges Denken und Kreativität entwickeln und entfalten. Nur zu oft wird dies von den Anforderungen des Lebens oder unserem eigenen beschränkten Denken verhindert und die Experimente von Kindern werden gewaltsam unterbrochen. "Mach' nicht solchen Lärm."; "Hör jetzt auf zu spielen, ich muss einkaufen gehen."... Wenn dies passiert, wird ein Gedankengang sabotiert. Den Kindern bleibt das schmerzhafte Gefühl, dass ihnen ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde und dass sie in Aufruhr sind; sie denken darüber nach, wie sie ein Lego-Modell bauen können, während ihre Mutter sie festhält, um sie im Kindersitz anzuschnallen.. Viele Eltern mögen dies für einen recht unbedeutenden und unvermeidbaren Vorfall halten, aber ist es wirklich so belanglos, wenn sich diese Sabotage immer und immer wieder ereignet, besonders auf dem gleichen Gebiet? Wie lange wird das Kind sein vernünftiges Denken über Lego-Modelle oder Autofahrten oder Einkäufe aufrecht erhalten können? Ein bestimmter Lernvorgang könnte Schaden erleiden oder jäh beendet werden; es können Bereiche entstehen, in denen das Kind sich irrational verhält, schwache Theorien entwickelt und eine verminderte Fähigkeit zur Problemlösung zeigt, oder gewöhnliche, alltägliche Aktivitäten können zu einer Quelle für Angst und negative Gefühle werden. Wenn Eltern oder Schulen versuchen, jede Lernerfahrung eines Kindes künstlich zu erzeugen, wird dieses Sabotieren der Gedanken und der Vernunft chronisch; wenn aber das lebenslange Lernen und die Selbständigkeit Hand in Hand gehen, gibt es keine solche Sabotage.

Die Erziehung ist ein gewaltiges Unterfangen. Das Letzte, was Eltern brauchen, ist, für jeden kleinen Fehler, den sie mit ihren Kindern machen, beurteilt oder für schuldig befunden zu werden. Keiner von uns möchte gerne in die Defensive gedrängt werden und das Gefühl bekommen, dass er jede Handlung vor einem unerreichbaren und perfekten Standard der idealen Erziehung rechtfertigen muss. Doch jene unter uns, die bereits die unglaubliche Macht des selbstgesteuerten Lernens bei Kindern erkannt haben, sind in einer ausgezeichneten Ausgangslage, zu sehen, dass Zwang Schaden anrichtet und dass dieser Schaden nicht nur falsch, sondern auch vermeidbar ist. Wir befinden uns bereits am äußersten Rande des pädagogischen Denkens und es ist nur noch ein kleiner, wenn auch tief greifender Schritt zu realisieren, dass unsere Familien im Einvernehmen leben können und dass das Leben nie wieder so sein wird wie zuvor.

Erwachsene, Menschen immer jüngeren Alters, geben weltweit Billionen für Therapie und Selbsthilfekurse und -bücher aus. Wir haben uns in erschreckender Weise daran gewöhnt,
den Schaden zu ertragen, der uns in der Kindheit zugefügt, weil wir zu vielem gezwungen wurden, nur um uns dann auf den lebenslangen Kampf einzulassen, darüber hinwegzukommen. Niemand von uns kann ein perfekter Vater oder eine perfekte Mutter sein, aber wir können alle weiterlernen. Bei der auf Einvernehmen basierenden Erziehung geht es darum, zum jeweiligen Zeitpunkt unser (fehlbares) Bestes zu tun, ständig zu lernen und auf dem Glauben zu verharren, dass wir alle bekommen können, was wir wollen - Eltern und Kinder gleichermaßen - und so bessere Menschen sein können. Wie?

Im einfachsten Fall des Lebens im Einvernehmen wird die Idee, dass einer verlieren muss, von der Idee ersetzt, dass wir alle gewinnen können; Einvernehmen ersetzt Konflikt. Als ich erstmals auf diese Idee stieß, hat es mir die Nackenhaare gesträubt; ich mochte ja liberal sein, aber ich würde meine Kinder nicht auf so verrückte Weise vernachlässigen. Ich dachte: "Was sollen Eltern denn dann tun? Sollen Sie ihr vierjähriges Kind auf der Autobahn spielen lassen, weil es das möchte, während die sechsjährige Tochter Pornofilme anschaut?" Es ist keine Vernachlässigung, wenn ein Kind bekommt, was es will; es geht nicht darum, niemals einen Vorschlag zu machen oder zu kritisieren, und es geht nicht um Kinder, die es sich niemals anders überlegen. Es dreht sich vielmehr um die Prämisse, dass Kinder selbständige menschliche Wesen sind, genau wie wir, und dass wir, da es nun mal so ist, Wege finden müssen, wie wir in einer Weise mit ihnen zusammenleben können, die diese Selbständigkeit respektiert und fördert. Kinder, die als selbständige menschliche Wesen behandelt werden und Zugang zu einer großen Bandbreite an Informationen und Wertvorstellungen haben, haben ein offenes Ohr für Argumente und sie haben keinen Grund, sich auf eine selbstzerstörerische, selbstverunglimpfende Weise zu verhalten.

Der Schlüssel für mich und meine Kinder war, das Gewinnen zu lernen. Der Versuch, einfach ohne Anwendung von Zwang zu leben, warf Probleme auf. Zu oft waren wir festgefahren, unfähig, kreativ genug zu denken, um einen Weg zu finden, der auf Zwang verzichtete, besonders in Situationen, in denen wir früher immer auf Zwang zurückgegriffen hatten; wir waren in einer negativen geistigen Haltung gefangen. Nach einer Weile wurde uns klar, dass die aktive Suche nach Lösungen und neuem Wissen uns den Weg aus diesen Schwierigkeiten zeigen würde. Wir lenkten unsere Aufmerksamkeit weg von dem negativen Denkmuster "Wie kann ich die Anwendung von Zwang vermeiden?" (wobei oft unterschwellig mitschwang, dass Zwang letzten Endes unvermeidlich werden würde) hin zu der wesentlich positiveren und hilfreicheren Haltung "Wie können wir alle etwas Neues lernen und in dieser Situation gewinnen?". Bald erkannten wir, dass wir alle alten Grenzen zwischen Leben und Lernen vergessen mussten, wenn wir es mit dem Leben im Einvernehmen ernst meinten; sie müssen eine Einheit bilden.

Auf einer Veranstaltung zum Leben ohne Schule im letzten Jahr bemerkte ein Teilnehmer meiner Tochter gegenüber, es müsse ein Alptraum sein, in unserem Haus zu leben. "Es muss ein absolutes Chaos sein.", meinte der Teilnehmer, "Wie bekommt ihr je etwas getan, wenn jeder immer zufrieden sein muss mit dem, was er tut?". Bei uns herrscht nicht der Alptraum von Chaos und Handlungsunfähigkeit, den dieser Fremde sich ausgemalt hatte. Mein Mann gestaltet Web-Seiten, ich schreibe Bücher, die Kinder beschäftigen sich mit tausend und einem Projekt. Je ernster wir jeden einzelnen nehmen, desto mehr Zeit und Energie scheinen wir zu haben. Unser Zuhause ist keine chaotische gesetzesfreie Zone; es ist weniger so, dass 'alles geht', als dass alles auf eine Weise gelöst werden kann, die die Zustimmung aller findet. Die Selbständigkeit von Kindern zu respektieren bedeutet nicht, dass wir sittenlose Krawallmacher heranwachsen sehen werden; vielmehr sorgt es für eine Menge Überraschung. Leben und Lernen sind niemals etwas anderes als interessant.
 

© Copyright Jan Fortune-Wood
 

Ursprünglich veröffentlicht in "Life Learning : the International Magazine of Self-Directed Learning", November/Dezember 2002, ISSN 1499-7533, S. 26-28.

Aus dem Englischen übertragen von S. Mohsennia.
 

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