Das Zauberwort muss von Herzen kommen
von Jan Hunt

Vor kurzem las ich einen Leserbrief in einer Lokalzeitung, in dem sich eine Frau beschwerte, dass mehrere Kinder vergessen hatten, sich für die Halloween-Gaben zu bedanken, die sie verteilt hatte. Sie wies darauf hin, dass das Wort "Danke" die wichtigste Gegenleistung sei, und dass Eltern, wenn nötig, Zwang anwenden sollten, um ihren Kindern dieses Wort zu entlocken.

Es ist normal, dass wir gekränkt sind, wenn es scheint, dass unsere Freundlichkeit für selbstverständlich gehalten wird. Aber vielleicht sollten wir etwas tiefer schauen, vor allem, wenn es sich um Kinder handelt.

Meiner Meinung nach gibt es zwei völlig unterschiedliche Beweggründe, warum ein Kind "Danke" sagt. Das eine Kind bedankt sich, weil es aufrichtig dankbar ist und oft gehört hat, wie Dankbarkeit innerhalb seiner Familie ausgesprochen wird (besonders Dankbarkeit ihm selbst gegenüber).

Ein anderes Kind sagt vielleicht "Danke", aber es ist nur eine leere Worthülse, ausgesprochen aus Angst vor Bestrafung. Verhalten, dass auf Angst basiert und nicht auf Verständnis dessen fußt, welchen Hintergrund das Ritual hat, ist bedeutungslos. Solch ein Verhalten ist sinnlos, weil es nicht das ist, was wir uns wünschen.

Unter Androhung von Strafe können wir ein Kind vielleicht dazu zwingen "Danke" zu sagen, aber wir können nicht die aufrichtige Dankbarkeit erzwingen, die wir uns wirklich wünschen. Echte Freundlichkeit erwächst in einem Kind, wenn man es freundlich behandelt. Sie kann nicht in sein Herz gezwungen werden, indem man das Wort in seinen Mund zwingt. Abgesehen davon: wo bleibt die Freude, wenn wir ein verängstigtes Kind das "Zauberwort" gehorsam murmeln hören? Alle Worte verlieren ihre Zauberkraft, wenn sie nicht von Herzen kommen.

Der Pädagoge John Holt hat einmal ein "richtiges" Danke beschrieben, dass es spontan von einem jungen Freund als "wunderbares kleines Geschenk in Worten, voller Freude, Zuneigung und Dankbarkeit" bekommen hat. «Soweit ich mich erinnern kann, war dies das erste Mal, dass sie sich bei mir bedankte... Niemand hatte dieser kleinen Person je ermahnt, "Danke" zu sagen. Warum sagte sie es zu mir, obwohl sie niemand dazu angehalten hatte? Wie hatte sie das gelernt? Weil wir Erwachsenen uns immer bei ihr bedanken, und weil sie hört, wie wir uns beieinander bedanken. Durch genaue Beobachtung hat sie sich abgeschaut, dass man sich bedankt, wenn jemand einem etwas Gutes tut. Es ist ein kleines Liebesgeschenk, und der Empfänger erwidert dies ebenfalls mit einem kleinen Geschenk. Da sie es uns gleichtun möchte, tat sie, was wir tun. Mit der Zeit wird dies für sie so natürlich werden wie atmen.»

Holt fährt fort: «Wie sehr unterschied sich dies doch von den Szenen, die ich öfter erlebt habe, als ich mich erinnern möchte. Ein Kind starrt auf sein Geschenk, verloren in Freude, Aufregung und Neugierde, als die Stimme eines Erwachsenen es, oft in einem mahnenden oder verärgerten Ton, erinnert: "Was sagt man?" Das Kind wird aus seiner Welt der Bewunderung und Freude zurückgeholt und fühlt sich plötzlich schuldig und beschämt. Es hört, was es sehr richtig als Drohung versteht wenn es nicht "Danke" sagt, wird ihm irgendetwas Schlechtes widerfahren. So ist auf einen Schlag alle Freude dahin, möglicherweise hasst das Kind dieses Geschenk gar, das es in diese schmerzvolle Situation gebracht hat, und es sagt widerwillig und mürrisch "Danke".

Zu Halloween betreiben auch die Kinder einigen Aufwand. Sie wählen mit Sorgfalt ihre neue Identität aus, verkleiden sich, und laufen eine Stunde oder länger von Haus zu Haus. Wie viele von uns machen sich die Mühe zu sagen: "Danke, dass Du mir Dein Kostüm zeigst."? Dies ist nicht nur eine Frage der Fairness, sondern auch der Nützlichkeit, denn echte Höflichkeit kommt vor allem durch Nachahmung. Kinder lernen, wie man anderen freundlich umgeht, indem sie die Erwachsenen um sie herum beobachten, und dadurch, dass wir ihnen respektvoll erklären, warum wir ein bestimmtes Verhalten befürworten.

Anstatt uns zu beschweren, dass Kinder unhöflich sind, sollten wir uns bewusst machen, dass Kinder sich so gut benehmen, wie sie behandelt werden, und entsprechend ihren Beobachtungen, wie wir miteinander umgehen.
 

© Copyright Jan Hunt
 

Aus dem Amerikanischen übertragen von S. Mohsennia
Original: www.naturalchild.org/jan_hunt/magicwords.html