War Beethoven gesellig?
von Naomi Aldort

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Frage: Mein zehnjähriger Sohn (der nie eine Schule besucht hat) zeigt kein Interesse an Zusammentreffen mit anderen und will, dass sein Vater oder ich überall bei ihm sind. Er verweigert Gruppenaktivitäten und spielt selten mit jemandem, abgesehen von seinem Bruder oder uns. Wie kann ich ihm helfen, seine Sozialkompetenz zu entwickeln und mit anderen Kindern Kontakt aufzunehmen?

Antwort: Ich erinnere mich, dass ich einmal meinen damals sechsjährigen Sohn beobachtete, wie er drei ältere Damen in ein Gespräch verwickelte. Ich hielt mich im Hintergrund und machte sogar für kurze Zeit einen Spaziergang mit seinem jüngeren Bruder. Als ich zurückkam, sagte eine der Damen zu mir: "Ich kann durchaus nachvollziehen, was er über das Aufwachsen ohne Schule sagt. Aber was ist mit dem Kontakt zu anderen Menschen?" "Was ist damit?" fragte ich und ließ meine Hand symbolisch um die Vierergruppe kreisen.

Uns wird beigebracht, dass ein Kind gesellig ist, wenn es mit anderen Kindern in Kontakt kommt; wir vergessen dabei oft den sozialen Umgang mit den Eltern, Geschwistern oder erwachsenen Verwandten. Da Ihr Sohn den vertrauten Kontakt mit einer Person bevorzugt, werden Sie wahrscheinlich auf Kritik stoßen und verlieren die einzigartige Art aus den Augen, auf die er Kontakt zu anderen sucht, genauso wie die Dame im Restaurant ihren sozialen Kontakt zu meinem Sohn übersehen hatte.

Die Schwierigkeiten werden verschlimmert durch die Tatsache, dass wir in einer Kultur leben, in der das Bild des geselligen Kindes geprägt wird vom Konzept einer Gruppe Gleichaltriger, die zusammen etwas tun. Der Gedanke, dass jedes Kind sich unter Gleichaltrige mischen muss, steht den individuellen Möglichkeiten im Wege. Um sich von diesen oder anderen einschränkenden Konzepten zu befreien, muss man bei Null anfangen und die landläufigen Überzeugungen aufgeben.

Beethoven ist ein Beispiel für jemanden, der sich weder unter die Leute mischte, noch im üblichen Sinne Kontakte knüpfte. Es brauchte dringend seine Zurückgezogenheit, damit er durch das verletzliche und emotionale Medium der Musik auf eine tiefe und bedeutungsvolle Weise mit der Menschheit in Verbindung treten konnte. Dies ist einer von zahllosen Wegen, wie man mit seinen Mitmenschen in Kontakt treten kann.

Als Erwachsene wissen wir Toleranz gegenüber unterschiedlichen Präferenzen in Bezug auf Geselligkeit zu schätzen, dennoch erwarten wir von Kindern, dass sie ihren einzigartigen Weg aufgeben und sich den einschränkenden gesellschaftlichen Erwartungen beugen. Im Gegenzug werden sie später wieder neu lernen müssen, Wert auf Unterschiede zu legen, die so unerlässlich für eine gesunde Gesellschaft sind. Es ist erstaunlich, wie das negative Ansehen des exzentrischen Kindes sich in den Biographien über hochgeschätzte Neuerer, Denker und Künstler in Bewunderung wandelt: "Er war eine Persönlichkeit für sich.", "Sie war nie Teil der Menge." oder "Er verbrachte jeden Tag viele Stunden in Einsamkeit." und so weiter. In der Tat sind Menschen mit einer großen Leidenschaft, Führungspersönlichkeiten und kreative Zeitgenossen selten diejenigen, die in die soziale Gussform passen.

Aus Ihrer Frage schließe ich, dass Ihr Sohn ein gesunder sozialer Mensch ist, dessen Präferenz es zum jetzigen Zeitpunkt ist, mit den Menschen Kontakt zu pflegen, die eine enge Beziehung zu ihm haben. Was für eine wundervolle Art, die Fähigkeit zu entwickeln, tiefe menschliche Beziehungen zu unterhalten. Schließlich verbringen wir doch den überwiegenden Teil unserer Tage mit nur einer Person und oft wünschen wir uns, dass wir größeres Geschick darin hätten.

Ungeachtet dessen, dass jedes Individuum einzigartige Eigenschaften besitzt, bedenken Sie, dass jedes Kind zu unterschiedlichen Zeitpunkten und unter unterschiedlichen Umständen seines Lebens eine Vielfalt an sozialen Fertigkeiten entwickelt. Eine Mutter trug mir ihre Sorge vor, dass ihre zehnjährige Tochter eine gute Schauspielerin war und gut tanzen konnte, jedoch Angst hatte, aufzutreten. Ich erzählte ihr von einem jungen Mann, der voller Selbstvertrauen im Alter zwischen neun und dreizehn Jahren auf der Bühne stand und sich dann in einen zurückgezogenen Teenager verwandelte, der lieber hinter den Kulissen blieb. Andererseits hatte ich mit einem Mädchen gearbeitet, das mit elf extrem gehemmt war und heute der singende Jugendschauspielstar der Gemeinde ist. So ist es auch mit anderen Eigenschaften manche introvertierten Kinder entwickeln sich zu Führungspersönlichkeiten und einige Kinder, die sich ständig unter die Leute mischen, wählen später eine zurückhaltendere Lebensweise.

Wenn Ihr Sohn sich nicht danach sehnt, mit Kindern zu spielen, dann wissen Sie, dass er das zu diesem Zeitpunkt nicht braucht (und vielleicht nie brauchen wird). Um seine soziale Entwicklung zu fördern, können Sie seine Art schätzen und ihm zu verstehen geben, dass seine Vorlieben in Ordnung sind. Demonstrieren Sie Ihr Vertrauen in ihn, indem Sie ihm bieten, worum er sie bittet: Ihre Gesellschaft, Einzelzuwendung und, ja, die Sicherheit, dass seine Familie bei ihm ist. Dadurch wird auch er weiterhin Vertrauen in sich selbst haben und lernen, auf andere in einer verbindenden und mitfühlenden Art einzugehen.

Behalten Sie im Hinterkopf, dass jeglicher Versuch, ein Kind in einer andere Richtung zu lenken, ihm das Recht abspricht, es selbst zu sein. Wenn wir in unserer Sorge anbieten: "Warum versuchst Du nicht wenigstens, an der Spielgruppe teilzunehmen?", drücken wir damit einen Zweifel über die Entscheidung des Kindes aus, der in Wirklichkeit ein Zweifel an seiner Person ist. Abgesehen davon, dass Sie Ratschläge vermeiden und nicht der Versuchung erliegen sollten, Ihren Sohn in bestimmte gesellige Situationen hineinzudrängen, müssen Sie ihn auch vor einer solchen Respektlosigkeit schützen, wenn sie von anderen kommt.

Wenn Sie die Sorge in sich aufsteigen fühlen, behalten Sie sie für sich oder sprechen Sie mit einem Freund oder Berater darüber, halten Sie sie aber zu diesem Zeitpunkt von Ihrem Kind fern. Seien Sie einfach gespannt, wie sich seine Geselligkeit entwickeln wird. Sie wissen nicht, auf welche Art von Leben er sich vorbereitet: ein Leben als Experte für Intimität, als Neuerer, als liebevoller Vater und Hausmann, als Führungspersönlichkeit oder was auch immer, das noch in seinem sich entwickelnden Selbst verborgen ist und zu dessen Entfaltung er seiner eigenen inneren Stimme folgen muss. Ihr Sohn ist gesellig. Schätzen Sie sein Wesen und beobachten Sie, wie er sich entfaltet.
 

© Copyright Naomi Aldort
 

Ursprünglich veröffentlicht in "Life Learning : the International Magazine of Self-Directed Learning", Mai/Juni 2002, ISSN 1499-7533, S. 24-25.

Aus dem Amerikanischen übertragen von S. Mohsennia.
 

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